Русская Православная Зарубежная Церковь. Храм Св. Архистратига Михаила г. Мюнхен
Russische Orthodoxe Kirche im Ausland Erzengel-Michael-Kirche

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Russische Orthodoxe Kirche

Die russische orthodoxe Kirche zu Ehren des Erzengels Michael in München-Ludwigsfeld

Die „Kirche des Erzengels Michael“ in München-Ludwigsfeld

Die Kirche des Erzengels Michael in Ludwigsfeld wurde im Jahre 1963 in der Achatstraße gebaut. Sie war bereits die vierte Kirche, die von den russischen Flüchtlingen dieser Gemeinde zwischen 1945 und 1963 errichtet wurde. Diese Kirche des Erzengels Michael - teilweise auch ihre Gemeinde - sind ein Spiegelbild für das Schicksal der russischen Ostarbeiter und der Flüchtlinge, die während des II. Weltkriegs nach Deutschland kamen. Ursprünglich befand sich die Kirche in einer Baracke im Transitlager für Flüchtlinge in Füssen, dann wurde sie in das Flüchtlingslager nach München-Schleißheim verlegt, wo sie bis Januar 1953 bestand. Als dann das Lager in Schleißheim geschlossen wurde, verlegte man die Holzkirche und den Glockenturm nach München-Ludwigsfeld, wo sie wiederaufgebaut wurde und zum Patronatsfest 1953 von Erzbischof Alexander geweiht wurde. Schließlich musste auch diese "Notkirche" verlegt werden, da das Grundstück verkauft wurde. Im Jahre 1965 fand dann die Gemeinde in der Achatstraße eine endgültige Bleibe. Die Kirche ist der „Synaxis des Erzengels Michael und der übrigen Körperlosen Mächte: den Erzengeln Gabriel, Raphael, Uriel, Salathiel, Jegudiel und Barachel“ geweiht, deren Fest auf den 8. Nov. alter Stil (21. Nov. neuer Stil) fällt.

Die Kirche des Hl. Erzengels Michael in Füssen

In Füssen gab es ein großes DP-Lager mit 2 Kirchen - der Kirche des Erzengels Michael und der Kirche zur Auferstehung Christi. Im Lager lebten im September 1945 ca. 3000 Personen, darunter 2000 Russen. Bei diesem Lager handelte es sich um ein Transitlager, in dem aus der Sowjetunion verschleppte Ostarbeiter und Flüchtlinge gesammelt wurden, die aufgrund des Jalta-Abkommens in die Sowjetunion zurückkehren mussten. Ständig trafen neue Gruppen im Lager ein, wo man Transporte zusammenstellte, um diese Personen - meist Männer - zur Rückkehr in die Sowjetunion - häufig mit Waffengewalt - zu zwingen. Diese gewaltsamen Deportationen wurden erst im August 1945 eingestellt, doch waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Tausend Personen deportiert worden. So lebten die Flüchtlinge hier in ständiger Angst vor neuen Deportationen.

Unter den Flüchtlingen in Füssen befanden sich auch Metropolit Anastasij (Gribanovskij) - in den Jahren 1936 bis 1964 das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland - und Metropolit Panteleimon (Rozhnovskij, Oberhaupt der Weißrussischen Orthodoxen Kirche), sowie Erzbischof Benedikt (Bobkovskij, Leiter der deutschen Diözese in den Jahren 1950-1951). Außerdem hatten hier etwa 30 orthodoxe Geistliche Zuflucht gefunden. Metropolit Anastasij übersiedelte im September 1945 nach Genf, da auch seine Deportation nicht ausgeschlossen werden konnte. Er kehrte dann im April 1946 nach München zurück, wo er bis zu seiner Übersiedlung in die USA lebte. Die geistliche Leitung des Lagers in Füssen lag bis Frühjahr 1946 bei Metropolit Panteleimon (Rozhnovksij), danach übernahm er die geistliche Aufsicht des Lagers München-Schleißheim.

Die Anwesenheit der Bischöfe und der vielen Geistlichen prägte das Lagerleben. Die Gottesdienste wurden mit großer Feierlichkeit täglich zelebriert. Es gab mehrere Chöre an den Kirchen. Zu den Chören gehörten zwischen 20 bis 40 Personen. Die beiden Kirchen waren ständig überfüllt, täglich nahmen die Priester Beichten ab und spendeten die Kommunion.

Im Lager gab es ein Schul- und Unterrichtswesen, das mit der Grundschule begann und weiterführende Gymnasialklassen hatte. Die ersten Absolventen des Gymnasiums erhielten 1946 ihr Abiturzeugnis. Für Erwachsene gab es Weiterbildungskurse, die im Jahre 1946 von 720 Personen besucht wurden. Unter den Lagerbewohnern gab es „Dutzende von Lehrern und Hochschulprofessoren“.

Im Januar 1946 besuchte Metropolit Serafim (Lade, Leiter der deutschen Diözese in den Jahren 1938 bis 1950) Füssen, wo zu diesem Zeitpunkt noch etwa 2000 Personen lebten. Das Lager wurde dann im Frühjahr 1947 wieder aufgelöst. Die Masse der Bewohner übersiedelte nach München-Schleißheim. Das Inventar der Erzengel Michael-Kirche - der neugemalte Ikonostas, einige alte Ikonen, die liturgischen Gefäße und Priestergewänder - wurden der gleichnamigen Kirche im Lager München-Schleißheim übergeben, das Inventar der Kirche zur Auferstehung Christi ging an die gleichnamige Kirche in München- Freimann, die sich in der SS-/Warner-Kaserne befand, wo ebenfalls ein bedeutendes Flüchtlingslager bestand.

Die Erzengel Michael-Gemeinde in Schleißheim-Feldmoching

Im Lager Schleißheim-Feldmoching lebten etwa 7000 Flüchtlinge. Es war das größte Flüchtlingslager im Raum München. Die Gläubigen der Auslandskirche verfügten über zwei geräumige Barackenkirchen, die eine war dem Erzengel Michael geweiht, die andere dem Gerechten Hiob von Potschaev. Die Erzengel Michael-Kirche diente nach dem Verlust der Berliner Kathedralkirche dem Metropoliten Serafim in den Jahren 1947 bis 1952 als Kathedralkirche. Sie war damit zugleich die wichtigste Kirche in München, wo es zu diesem Zeitpunkt noch weitere 14 russische Kirchen gab. Erst im Mai 1952 wurde durch einen Ukaz von Bischof Alexander die Kirche des Hl. Nikolaus am Salvatorplatz zur Kathedrale erhoben. Gleichzeitig wurde aber verfügt, dass der amtierende Bischof der deutschen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) im Ausland Vorsteher der Erzengel Michael-Kirche sein sollte, womit die (historische) Bedeutung dieser Kirche unterstrichen werden sollte. Als Kathedralkirche wurden in der Erzengel Michael-Kirche in den Jahren bis 1952 alle wichtigen Gottesdienste zelebriert.

Die geistliche Führung des Lagers lag seit Frühjahr 1947 bis zu seinem Tod im Jahre 1950 bei Metropolit Panteleimon. Ihm unterstanden 24 Geistliche aller Rangstufen, die im Lager lebten. Die Gottesdienste in den Lagerkirchen wurden meist von mehreren Bischöfen unter Assistenz einer großen Zahl von Priestern und Diakonen zelebriert.

So zelebrierten im Februar 1952 in der Kirche des Erzengels Michael anlässlich einer Konferenz der europäischen Bischöfe der Auslandskirche die Erzbischöfe Ioann (Maksimovitsch, im Jahre 1994 wurde er heiliggesprochen), Filofej (Narko), Stefan (Sevbo) und die Bischöfe Alexander (Lovtschij), Nathanael (L’vov) und Leontij (Bartosevitsch) zusammen mit 16 Geistlichen.

An den Gottesdiensten im Lager nahmen bis zu 2000 Personen teil, von denen die große Mehrheit die Liturgie nur unter freiem Himmel verfolgen konnte, da in den beiden Kirchen nur für jeweils 300 bis 400 Personen Platz war. Besonders feierlich wurde jedes Jahr das Fest der Orthodoxie (am 1. Sonntag der Großen Fasten) gefeiert. Metropolit Anastasij zelebrierte diesen Gottesdienst in den Jahren 1947 bis 1950 unter Konzelebranz aller Bischöfe und der Geistlichen aus München und brachte zu diesem Gottesdienst die Wundertätige Ikone der Gottesmutter von Kursk mit ins Lager.

Seit 1950 veränderte sich die Gemeinde - wie auch die Situation des Lagers - sehr rasch: Ständig kamen neue Bewohner im Lager an, die aus anderen aufgelösten Lagern umgesiedelt wurden, aus Schleißheim zogen Bewohner weg. Der Grund für diese Umsiedlungsaktionen bestand darin, dass aufgrund eines Regierungserlasses seit 1951 alle Kasernen, in denen noch Flüchtlingslager bestanden, geräumt werden mussten. In Bayern waren 28 Kasernen betroffen. Geichzeitig wurden die der IRO (International Refugee Organization) unterstehenden Lager aufgelöst. Etwa die Hälfte der Flüchtlinge in Bayern lebte zu diesem Zeitpunkt noch in IRO- Lagern.1 So wurden allein im März 1950 rund 500 Flüchtlinge von Schleißheim in das Lager Bad Reichenhall verlegt. Im Frühjahr 1953 wurde das Lager dann engültig aufgelöst.

Die russisch orthodoxe Gemeinde des Erzengels Michael hatte sich im Oktober 1945 konstituiert, verfügte zunächst aber nur über eine provisorische kleine Kirche. Vorsteher der Gemeinde war Metropolit Serafim (Lade). Gegen Ende 1946 erhielt die Gemeinde eine eigene geräumige Baracke als Kirche. Diese Baracke (Nr. 54 ) stammte aus dem Transitlager in der Münchener Funk- Kaserne, das bereits seit Herbst 1946 aufgelöst wurde. Da etwa zur gleichen Zeit auch das Transitlager in Füssen aufgelöst wurde, erhielt die Gemeinde in Schleißheim das Inventar der Erzengel Michael-Kirche aus Füssen. Die geräumige neue Kirche wurde daraufhin zur Kathedralkirche des Metropoliten Serafim erhoben.

Besuch von Metropolit Anastasij mit der Wundertätigen Ikone von Kursk im Lager Schleißheim Prozession im Lager am Lichten Montag Zur Gemeinde des Erzengels Michael gehörten im Jahre 1948 über 2000 registrierte Personen. Die Gemeinde wurde zu großen Kirchenfesten regelmäßig von Metropolit Anastasij mit der Wundertätigen Ikone der Gottesmutter von Kursk besucht. Im Sommer 1950 zelebrierte der Metropolit mit der Wundertätigen Ikone in der Gemeinde ein letztes Mal vor seiner Ausreise nach Amerika. Ihm konzelebrierten alle Geistlichen aus München. Am Gottesdienst nahmen mehr als 2000 Gläubige teil, von denen fast 1000 zur Kommunion gingen.

Die Verlegung der Kirche des Erzengels Michael nach München-Ludwigsfeld

In Ludwigsfeld waren mit deutscher und internationaler Hilfe seit 1952 Wohnungen für Flüchtlinge aus der Sowjetunion und den Ostblockländern (vor allem Polen) errichtet worden, die bis dahin in verschiedenen Lagern gelebt hatten. Die "Wohnsiedlung Ludwigsfeld" wurde auf dem Gelände der ehemaligen Außenstelle des KZ Dachau errichtet (Barackenlager für arbeitsfähige KZHäftlinge zum Einsatz in den BMW-Werken Allach). Bis Anfang der 70er Jahre bestand die Wohnsiedlung Ludwigsfeld noch aus zwei sehr ungleichen Teilen: zum einen aus den neu erbauten Wohnblöcken mit kleinen Zwei- und Dreizimmerwohnungen, zum anderen aus den Baracken des KZ-Lagers Allach. Von zwei Seiten war die Wohnsiedlung noch mit Betonpfeilern, Stacheldrahtzaun und halbzerstörten Wachtürmen (sie bestanden noch bis Mitte der 60er Jahre) umgeben.

Aus dem Lager Schleißheim übersiedelten ca. 1300 Bewohner in die Wohnsiedlung Ludwigsfeld, weitere Flüchtlinge lebten in den Baracken der ehemaligen KZ-Außenstelle. So lag es nahe, die Kirche des Erzengels Michael von Schleißheim nach Ludwigsfeld zu überführen. Die Lagerverwaltung sprach sich gegen eine Verlegung der Barackenkirche aus, da der bauliche Zustand der Kirche zu schlecht sei.2 Sie schlug vor, dass man der Gemeinde eine bereits bestehende Baracke in Ludwigsfeld überlassen solle. Dagegen befürwortete das Bayerische Staatsministerium des Innern ausdrücklich die Verlegung und hielt diese „für erforderlich“. Das Ministerium setzte sich dafür ein, dass das „Grundstück zu günstigen Bedingungen ...zur Verfügung gestellt werden solle“.3 Der Pachtvertrag für das Grundstück wurde dann mit der „Stiftung zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ geschlossen, die Eigentümerin der Baracken des Lagers Ludwigsfeld geworden war.

Die „Notkirche“ in München-Ludwigsfeld

Grundsteinlegung der 'Notkirche' durch Erzbischof Alexander Die Holzkirche und der Glockenturm aus Schleißheim wurden in einer Entfernung von ca. 1 km von der Siedlung Ludwigsfeld unter Leitung von V.J. Gorozhankin und Gemeindemitgliedern wieder aufgebaut. Die Grundsteinlegung vollzog Erzbischof Alexander zum Pfingstfest (am 1. / 14. Juni 1953),4 die Weihe der neuen Kirche fand am Vortag des Patronatsfestes (7./ 20. Nov. 1953) statt.5 Seit dem 1. August wurden aber in der noch im Bau befindlichen Kirche nach einer kleinen Weihe schon Gottesdienste zelebriert.6

Besuch von Metropolit Anastasij mit der Wundertätigen Ikone von Kursk im Lager Schleißheim Die 'Barackenkirche' in Ludwigsfeld Nach ihrer Wiederbegründung gehörten zur Gemeinde in Ludwigsfeld im Jahre 1953 noch 500 Personen, drei Jahre später waren es nur noch 250, da inzwischen viele nach Übersee ausgewandert waren. Die Holzkirche wurde in den Dokumenten dieser Jahre vom Gemeindepriester immer als „provisorische Holzkirche“ oder „Notkirche“ bezeichnet. So unterschrieb Protopresbyter Vasilij Vinogradov seine Korrespondenz immer mit „Pfarrer der Notkirche der Russischen Orthodoxen Michaelsgemeinde“. Protopresbyter Vasilij rechnete damit, dass die aus „Abbruchmaterial erbaute Kirche höchstens noch 10 Jahre lang stehen bleiben kann“. Von Anfang an gab es daher Pläne, die Holzkirche durch den Bau einer Steinkirche zu ersetzen, doch fehlten die finanziellen Mittel dazu.

Innenansicht der Holzkirche Die Gemeinde hatte zum Wiederaufbau der Kirche Mittel vom Weltrat der Kirchen, der Bayerischen Staatsregierung und von der Diözesanverwaltung der ROK erhalten. An Eigenmitteln wurden 5000 DM aufgebracht. Zahlreiche Spenden gingen auch aus den USA von ehemaligen Bewohnern des Lagers Schleißheim ein. Neben der Kirche wurde im Jahre 1955 noch eine Baracke (ebenfalls aus dem Lager Schleißheim) errichtet, die künftig als Gemeindesaal, für die Pfarrbibliothek und für die Gemeindeschule genutzt wurde. Das neue Kirchenzentrum war für das Gemeindeleben der russischen Gläubigen - auch aus München - von großer Bedeutung, da hier gemeinsame Veranstaltungen abgehalten werden konnten. Da im Gemeindesaal allerdings maximal 70 Personen Platz fanden, wurde bei größeren Veranstaltungen - wie etwa zum Patronatsfest oder dem Weihnachtsfest - ein Saal angemietet, der sich im ehemaligen SS-Kasino mitten im Barackenteil des ehemaligen Lagers befand. Dieser Saal diente im Bedarfsfall auch als Kinosaal oder als Restaurant für die Wohnsiedlung. Da er Platz für 200 bis 300 Personen bot, fanden hier auch kulturelle Veranstaltungen der Wohnsiedlung statt.

Zu den Kirchenfesten der Gemeinde kamen auch viele Gläubige aus München, da keine der Münchener Gemeinden über geeignete Räumlichkeiten für Feste verfügte. So nahmen z.B. in den 50-er Jahren am Weihnachtsfest regelmäßig mehr als 100 Kinder und 250 Erwachsene teil. Zur „Jolka“ (Weihnachtsfest) kam zweimal Kardinal Döpfner von München und Freising und übergab der Gemeinde persönlich eine Spende, um Weihnachtsgeschenke für die Kinder kaufen zu können. Kardinal Döpfner und Erzbischof Alexander kannten sich bereits aus Bad Kissingen (aus der Zeit vor 1941). Sie trafen sich auch später in München regelmäßig „zu einer Tasse Tee“.

Protopresbyter Vasilij am Hl. und Gr. Freitag im Jahre 1957 (rechts: Diakon Alexij Adjunsov und Erzpriester Sergij Matweew) Die Kinder der Gemeindeschule Ursprünglich bestand neben der Kirche auch eine nationale russische Schule, da auch die Schleißheimer Lagerschule im Jahre 1953 geschlossen worden war. In der Schule in Ludwigsfeld bestand die Möglichkeit zum Besuch der ersten fünf Schuljahre. Für den weiterführenden Unterricht gab es die Möglichkeit zum Besuch des russischen Gymnasiums im „Haus des Samariters“ (in München, Mauerkircher Str. 5), in dem sich auch die Kirche zu „Ehren des hl. Serafim von Sarov“ befand. Die Verlegung der Schule von Schleißheim nach Ludwigsfeld wurde damit begründet, dass in der benachbarten Wohnsiedlung ca. 80 schulpflichtige Kinder wohnten. Die Schule in Ludwigsfeld bestand nur bis zum Jahre 1956, wurde dann aber als Gemeindeschule weitergeführt mit Unterricht an einem Wochentag. Außer Religion und russischer Sprache wurden Geschichte, Landeskunde und Literatur an der Gemeindeschule unterrichtet. Die Schule erhielt von der Stadt München und dem Bayerischen Kultusministerium und der Diözese finanzielle Unterstützung. Stadtschulrat Fingerle besuchte die Schule mehrmals und übergab Lehrmaterial, Hefte, Schreibzeug etc. Die Schule wurde aber nicht nur von orthodoxen Kindern besucht, sondern auch von zahlreichen nicht-orthodoxen Kindern, deren Eltern aus der Sowjetunion stammten, so unter anderem von den (mehr als 20) kalmückischen Kindern, die in Ludwigsfeld lebten. Die Leitung der Schule lag zunächst bei A. Redik, der schon im Lager Schleißheim Vorsteher der Schule gewesen war, dann viele Jahre bei Olga Evgenievna Halitschenko, einer ehemalige Absolventin des berühmten Smolnyj- Instituts für adlige Fräulein in St. Petersburg. Im Rahmen des Schulunterrichts wurden auch ein Kinderchor und eine Theatergruppe gegründet. Beide Gruppen traten über viele Jahre nicht nur anlässlich der „Jolka“ (Weihnachtsfest) und dem Patronatsfest der Gemeinde auf, sondern auch im Rahmen von Kulturveranstaltungen und Festen der Siedlung Ludwigsfeld.

Die geräumige Holzkirche war nach ihrem Wiederaufbau in Ludwigsfeld hellblau gestrichen worden, so wie es in der Ukraine und Südrussland Sitte war. Auch das Schmücken der Ikonen an Festtagen mit gestickten Handtüchern entsprach dieser Sitte. Der hölzerne Glockenturm stand in ca. 8 m Entfernung von der Holzkirche. Die Glocken waren aus entschärften und in zwei Hälften zersägten US-Bomben hergestellt worden. Trotz der Einfachheit des Materials war der Klang der „Glocken“ sehr harmonisch, besonders der tiefe Ton der „großen Glocke“.

Die Betreuung der Gemeinde lag bis zum Jahre 1964 bei Protopresbyter7 Professor Vasilij Vinogradov, der bereits seit 1951 Seelsorger der Schleißheimer Michaels-Kirche war. Protopresbyter Vasilij wurde im Jahre 1885 in Mozhajsk bei Moskau geboren und beendete im Jahre 1914 die Moskauer Geistliche Akademie mit dem Grad eines Mag. Theol. Er war Professor für Dogmatik an der Moskauer Geistlichen Akademie und Mitglied des Diözesanrats der Moskauer Diözese gewesen. Im Jahre 1918 wurde er Mitbegründer der „Orthodoxen Theologischen Volksakademie“ und ihr Prorektor. Ziel dieser Akademie war es, Männer und Frauen eine theologische Bildung zu vermitteln, um sie als Laien mehr an der kirchlichen Verwaltung zu beteiligen. Nachdem die Kommunisten die theologischen Ausbildungsstätten geschlossen hatten, bot die „Volksakademie“ praktisch einen Ersatz an, um theologische Bildung zu vermitteln. Doch auch die Volksakademie wurde im Jahre 1922 von den Kommunisten geschlossen. Von 1918 bis zum Tod des Patriarchen Tichon im April 1925 war Protopresbyter Vasilij einer der engsten Mitarbeiter des Patriarchen. In den Jahren 1925 bis 1941 wurde er mehrmals verhaftet und verbrachte viele Jahre in den Lagern in Archangelsk, Perm, Vladivostok und Kolyma. Im Jahre 1942 gelang ihm die Flucht nach Litauen, wo er bis 1944 am Geistlichen Seminar in Vilnus unterrichtete, bevor er über Wien nach München kam.8

Vater Vasilij war die letzten zehn Jahre seines Lebens erblindet, zelebrierte aber zusammen mit Erzpriester Sergij Matweew und der Hilfe eines Diakons und der Altardiener bis zu seiner Ablösung im Jahre 1964 die Gottesdienste. Das Evangelium und die liturgischen Gebete „las“ er auswendig. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand besuchte er weiter in Begleitung von Blindenführern die Gottesdienste. Sein plötzlicher Tod beendete seine rastlose Tätigkeit: Bis zum Schluss erteilte er für Kinder der Gemeinde in seiner Wohnung Religionsunterricht, bewältigte mit seinen ehrenamtlichen Sekretären seinen umfangreichen Briefwechsel, redigierte seine Publikationen und fand als geistlicher Vater immer Zeit für seine Gemeindemitglieder zu Gesprächen, wenn diese ihn darum baten. Er starb am 24. Okt. 1968 im 86. Lebensjahr. In einem Nachruf der Pariser russischen Emigrantenzeitschrift „Russkaja mysl´“ bezeichnete Prof. Ivan Schumilin seinen Tod als „großen Verlust für die russische Emigration“ und würdigte den Verstorbenen als „anerkannten russischen Theologen, hervorragenden Prediger, würdigen Hirten, scharfsinnigen und weisen Geistlicher, guten und liebevollen Menschen“. Für seine geistlichen Kinder war er der „Prototyp des russischen monastischen Starzen, der wie der „gute Hirte“ den vielen Ratsuchenden half und ihre Sorgen linderte.“

Schulklasse mit Vater Vasilij und O. Halitschenko Für die kirchenhistorische Forschung ist sein Buch mit dem Titel „Über einige besonders wichtige Momente der letzten Periode des Lebens und der Tätigkeit des heiligsten Patriarchen Tichon“9, München 1959 von richtungsweisender Bedeutung geworden. In diesem Buch entlarvte er das sogenannte „Testament“ des Patriarchen Tichon als Fälschung der sowjetischen Geheimpolizei GPU und legte die Gründe dar, die für eine Fälschung sprachen. Nach seiner - bis heute - stichhaltigen und logischen Beweisführung war das „Testament“ ein von der GPU entworfener Text, der vom Patriarchen nicht akzeptiert und auch nicht mehr unterschrieben worden ist, da sein plötzlicher Tod diese Intrige verhinderte.

„Eine Kirche soll abgerissen werden:“ neue Probleme für die Gemeinde

Im Jahre 1959 änderte sich die Lage der Gemeinde dramatisch. Erst jetzt stellte sich nämlich heraus, dass das Grundstück, auf dem die „Notkirche“ errichtet worden war, kein Eigentum des Staates war. Das Grundstück war zwischenzeitlich von dem privaten Grundstückeigentümer verkauft worden. Als der neue Eigentümer im Grundbuchamt eingetragen wurde, stellte sich heraus, dass sich die russische Kirche auf diesem Flurstück befand, das man bisher als Eigentum des Staates betrachtet hatte. Der neue Grundstückseigentümer forderte die Räumung des Grundstücks, da er hier eine Lagerhalle errichten wollte. Nach zähen Verhandlungen und gerichtlichem Streit wurde schließlich vom Bundesschatzamt (später Bundesvermögensverwaltung) der Gemeinde das Grundstück in der Achatstr./Ecke Karlsfelder Str. in Erbpacht zum Bau einer neuen Kirche zur Verfügung gestellt.

Auf dem Gelände, auf dem die Wohnsiedlung errichtet worden war, wie auch den angrenzenden Grundstücken mit dem Sportplatz und der heutigen russisch-orthodoxen Kirche des hl. Erzengels Michael befand sich von 1941 bis März 1945 das Außenlager des KZ Dachau - Allach I. Das Gelände war an die Bayerischen Motorenwerke AG (BMW) verpachtet worden, die auf dem Gelände Baracken zur Unterbringung ihrer Fremdarbeiter errichtet hatten. In diesem Außenlager waren bis Kriegsende mehrere Tausend Ostarbeiter untergebracht. Die von BMW errichteten Baracken wurden von der Firma mit Vertrag v. 29.3.1945 an die SS verkauft (!) und gingen nach Kriegsende in den Besitz der „Stiftung zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ über. Nach Auflösung der Stiftung wurde das Vermögen - wie auch die Barackensiedlung Ludwigsfeld - als Staatseigentum registriert, ohne dass man die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse der Grundstücke von vor 1941 geklärt hatte. Dies führte dann im Jahre 1959 zu neuen Schwierigkeiten und der Räumung des Grundstücks. Zum dritten Mal musste die Gemeinde ihre Kirche aufgeben.

Prozession nach dem Patronatsfest (ca. 1959) Erzbischof Alexander mit Mitgliedern des Chors und der Gemeinde im Jahre 1956 Die Geistlichen von links: Archimandrit Kornilij, Protopresbyter Vasilij, Erzbischof Alexander, Erzpriester Sergij Matweew, Diakon Alexij Adjunsov Der Eigentumswechsel des Jahres 1959 bedrohte nicht nur den Fortbestand der Kirche, sondern auch die Existenz der Gemeinde, da der neue Eigentümer auf Räumung des Grundstücks bestand und seinen Anspruch auf dem Gerichtsweg klären ließ. Das Amtsgericht München wandte sich nach der mündlichen Verhandlung an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus und wies darauf hin, dass die beklagte Kirchengemeinde mit der „Beseitigung der Kirche“rechnen müsse. Außerdem verwies das Amtsgericht auf einen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung v. 11.3.1960 mit der Überschrift „Eine Kirche soll abgerissen werden. Der Staat zog Pachtgeld ein für ein Grundstück, das ihm nicht gehörte“.10 Das Ministerium lehnte jede Mitverantwortung ab und sah auch „keine Möglichkeit wegen eines Ersatzgrundstückes in Allach für die Russ.-orthodoxe Kirche irgendwelche Maßnahmen einzuleiten“.11 Die Verhandlungen der Gemeinde und der Diözese mit der Bayerischen Staatsregierung zogen sich mehr als drei Jahre hin. Nachdem schließlich die „irrtümliche Verpachtung“ durch den Staat anerkannt worden war, teilte das Bayerische Innenministerium im Jahre 1963 mit, dass dank der Unterstützung des Innenministeriums erreicht werden konnte, dass ein im Besitz des Bundes befindliches Grundstück „für den Neubau einer (massiven) Kirche zur Verfügung stehe. Die Baupläne sind vor kurzem von der Landeshauptstadt München nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten genehmigt worden.“ In dem Schreiben wurde auch darauf hingewiesen, dass „die zu der Diözesanverwaltung gehörenden russisch-orthodoxen Kirchengemeinden sich zum Westen, also zur freien Welt bekennen und von dem den Sowjets hörigen Moskauer Patriarchat unabhängig sind, so dass sie auch aus politischen Gründen jede mögliche Förderung verdienen.“12 Nach einem Besuch von Erzbischof Alexander bei Ministerpräsident Goppel befürwortete dieser eine finanzielle Unterstützung des Neubaus der Kirche, obgleich „keine rechtliche Verpflichtung des Freistaates Bayern zur Hilfe besteht. Andererseits kann aber nicht übersehen werden, daß die Notlage der Orthodoxen Kirchengemeinde von bayerischen Behörden zumindest mitverursacht ist. Eine moralische Verpflichtung sollte deshalb anerkannt werden. Ich bitte daher dringend, der Orthodoxen Kirchengemeinde zu helfen.“ Weiter bat Goppel um Prüfung, ob „wegen der staatspolitisch wertvollen Arbeit der russisch-orthodoxen Kirche“ eine staatliche Besoldung der Priester möglich sei.13

Grundsteinlegung und Weihe der neuen russischen Kirche

Seit 1961 verhandelte die Gemeinde mit deutschen Behörden wegen des Ankaufs eines Grundstücks zum Bau einer „neuen massiven Steinkirche.“ Das neue Grundstück befand sich in der Achatstraße, in etwa 400 m Entfernung von der alten „Notkirche“. Die Pläne zum Bau der Kirche stammten von dem Münchener Architekten Theodor Henzler. Die Gesamtkosten des Neubaus wurden auf 175 000 DM veranschlagt, von denen die Gemeinde aber nur 22 000 DM aufbringen konnte. Der Neubau der Kirche konnte nur dank der großzügigen materiellen Unterstützung kirchlicher, staatlicher und privater Spender ermöglicht werden. Von der katholischen Diözese München-Freising und der evangelischen Landeskirche von Bayern erhielt die Gemeinde je 30 000 DM an Spenden, weitere namhafte Beträge gingen ein: vom Landeskuratorium Bayern für das Weltflüchtlingsjahr, von der Bayerischen Staatsregierung und zahlreichen Münchener Firmen. Die Stadt München sah sich nicht in der Lage, den Neubau finanziell zu unterstützen, es „sei denn, die russisch-orthodoxen Gläubigen würden ihre derzeitige Kathedralkirche räumen, die in dem Gebäude der Salvatorschule untergebracht ist“.14

Die Kirche wurde wie folgt beschrieben: „Moderne Baustoffe, aber stilistische Anlehnung an nord-russische, einfache Kirchen mit vorgesetztem Glockenstuhl (Klöppel der Glocken werden handbewegt), Befolgung der dogmatisch bestimmten Kirchenbautradition der russischen Orthodoxie (Ausrichtung nach Osten, innere Einteilung und Ausstattung, Kuppel mit russischem Kreuz). Der Altarraum (Ostteil) ist um einige Stufen erhöht und vom Gemeinderaum abgetrennt durch die Ikonostase mit 3 Pforten... Die Ikonen stammen aus früheren Barackenkirchen in Schleißheim und Ludwigsfeld und wurden von russischen Flüchtlingen um das Kriegsende und in der Nachkriegszeit geschaffen... außerdem einige alte Ikonen“.

Nach dem Gottesdienst verlässt die Geistlichkeit die Holzkirche Die Siedlung Ludwigsfeld wurde oft als „russisches Dorf“ und „russische Kolonie“ bezeichnet, obgleich hier auch zahlreiche nicht-orthodoxe Flüchtlinge und Nicht- Russen lebten. Nur vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass man sich zum Bau dieser verkehrsmäßig schlecht erreichbaren Kirche entschloss. Immerhin war der Bau dieser Kirche der erste Neubau einer russischen Kirche in Bayern seit dem Jahre 1901, dem Jahr der Weihe der russischen Kirche in Bad Kissingen.

Die Grundsteinlegung der neuen Kirche vollzog Erzbischof Alexander am 13. Juni 1963.15 Ihm konzelebrierten Protopresbyter Vasilij, Archimandrit Johannes (Péterfalvy), Erzpriester Sergij Matweew und Diakon Simeon Andrienko.

Die Grundsteinlegung im Juni 1963

Prozession zum neuen Bauplatz in der Achatstraße Die russische orthodoxe Kirche zu Ehren des Erzengels Michael in München-Ludwigsfeld Der Neubau der Kirche und die Weihe zum Patronatsfest der Gemeinde - am 8. Nov. a. St. (21.11. n. St.) - riefen in der Öffentlichkeit großes Interesse hervor und fanden ihren Niederschlag in zahlreichen Zeitungsartikeln.16 An der Weihe der Kirche nahmen Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen (Prälat Frei für die Diözese München-Freising; Oberkirchenrat Karg für das evangelische Landeskirchenamt), der Bayerischen Staatsregierung (Staatssekretär Ballon für die Staatskanzlei), der Stadt München (Stadtschulrat Fingerle), des Kuratoriums Bayern für das Weltflüchtlingsjahr (Dr. Maurer), sowie Vertreter von Münchener Firmen und der Presse teil. Vom Vertreter der evangelischen Landeskirche und dem Weltflüchtlingsjahr wurden anlässlich der Weihe der Kirche noch einmal „beträchtliche Geldbeträge“ überreicht, die zur Innenausstattung der Kirche - vor allem der neuen Ikonostase - gedacht waren. Die Weihe vollzog Erzbischof Alexander (Lovtschij) zusammen mit Bischof Nathanael (L´vov), Archimandrit Johannes (Péterfalvy) und den Geistlichen der Erzengel Michael-Kirche, Protopresbyter Vasilij Vinogradov und Erzpriester Sergij Matweew. Grundsteinlegung der neuen Kirche in der Achatstraße

Der Neubau am 10.9.1963 Nach der „Waschung des Eichenaltars durch die Bischöfe Alexander und Nathanael wurde die Altarplatte mit Weihwasser und einer Mischung aus geweihten Öl und Wein eingerieben. Die Altarplatte wurde an allen vier Ecken durch die Bischöfe Alexander und Nathanael mit vier Nägeln befestigt, die mit einem Bachstein eingeschlagen wurden. Nach der Lichterprozession mit der Reliquie des hl. Hiob v. Potschaev um die Kirche wurde die Reliquie dann in ein russisches Doppelkreuz im unteren Altarteil eingelassen.“17 Die Kirche im Jahre 1970

Die Ikonostase und die Ikonen der Kirche

Die Ikonen in der Ikonostase sowie einige Ikonen im Altarraum und in der Kirche stammten noch aus der ersten Kirche des Erzengels Michael in Füssen. Viele weitere Ikonen - zum großen Teil einfache Papierikonen - wurden der Gemeinde von verstorbenen Gemeindemitgliedern vermacht. Die Ikonen der Ikonostase waren von Prof. Blagovernov für die Kirche in Füssen gemalt worden. Diese Ikonen entsprechen nicht den strengen Maßstäben der russischen Ikonenmalerei, sondern sind eher typisch für die ukrainisch-südrussische Ikonenmalerei mit ihren westlichen Einflüssen. Lediglich die massive Ikonostase aus Eichenholz, die sich in der heutigen Kirche befindet, wurde erst im Jahre 1966 für die heutige Kirche angefertigt, da die alte Ikonostase aus Füssen- Schleißheim - die noch aus Brettern von Holzkisten angefertigt worden war -, nicht mehr verwendet werden konnte. Mehrmals gab es Pläne zur Neumalung von Ikonen im traditionellen russischen Stil,18 doch wollten sich die Gemeindemitglieder nicht von den vorhandenen Ikonen trennen. Sie argumentierten, dass nicht nur Hunderte von Gläubigen und mehrere Generationen vor diesen Ikonen gebetet hatten, sondern vor allem viele Bischöfe und Priester der Auslandskirche, da die Michaelskirche viele Jahre als Kathedralkirche der deutschen Diözese gedient hatte. Die Wahrung dieser Tradition und die Liebe, die Ehrfurcht und die Nähe zu ihren verstorbenen Bischöfen, Geistlichen und Gläubigen und ihren Gebeten vor diesen Ikonen verdienen Respekt und Anerkennung der Nachfahren und der heutigen Gemeinde.

Ikonostase im Jahre 2001 Die Ikonostase trennt und verbindet zugleich den Gemeinderaum mit dem Altarraum. Die Ikonostase (Bilderwand) folgt in allen orthodoxen Kirchen dem gleichen Grundstil: In der Mitte befindet sich die „königliche Tür“. Durch diese Tür kommt Christus, der „König der Könige“, während des Gottesdienstes zu den Gläubigen: durch das Wort, wenn der Geistliche das Evangelium in der Tür stehend verkündet, und durch die hl. Gaben. Durch das Wort des Evangeliums und seine Befolgung kann sich der Gläubige auf das Reich Gottes vorbereiten. Das zweite Mal kommt der Herr durch die „Königliche Tür“, wenn der Priester die Gaben der Hl. Kommunion - den Leib und das Blut Christi - den Gläubigen im Kelch bringt und der Gläubige die Gaben „zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben“ empfängt. So wird auf der mittleren Tür meist die Darstellung der Evangelisten oder eine Darstellung der „Verkündigung der Allerheiligsten Gottesmutter und steten Jungfrau Maria“ durch den Erzengel Gabriel abgebildet. Links (vom Betrachter aus gesehen) von der mittleren Tür befindet sich immer eine Ikone der Allhl. Gottesmutter mit dem Christuskind (als Symbol für die Fleischwerdung des Wortes und die Menschwerdung Gottes), rechts von der mittleren Tür befindet sich die Ikone des Herrn, Jesus Christus. Neben diesen beiden Hauptikonen befinden sich zwei weitere Türen, durch die die Altardiener gehen. Auf diesen Türen werden immer die Erzengel dargestellt, rechts der Erzengel Gabriel, links der Erzengel Michael. Neben der rechten Tür befindet sich immer die Ikone des betreffenden Kirchenpatrons oder des Kirchenfestes, dem die Kirche geweiht ist. Im Falle der Erzengel Michael-Kirche der Erzengel Michael. Neben der linken Tür findet man meist eine Ikone Johannes des Täufers, hier ist es eine Ikone des hl. Nikolaus.

Die Ikonen an der Nordseite der Kirche Je nach Größe und Höhe der Kirche wird die Ikonostase durch seitliche Ikonen und Ikonenreihen nach oben erweitert, wobei Darstellungen der Gottesmutter- und Herrenfeste üblich sind. Auch die Ikonostase der Ludwigsfelder Kirche folgt diesem Grundprinzip. Über den Hauptikonen befinden sich Ikonen der wichtigsten Kirchenfeste: Es handelt sich um griechische Ikonen, eine Spende von ehemaligen griechischen Gemeindemitgliedern, die bei den Firmen MTU und MAN als Gastarbeiter arbeiteten und die russische Kirche besuchten, da es die nächstgelegene orthodoxe Kirche war.

Die Ikonen an der Südseite der Kirche Hervorzuheben ist noch ein Reliquienschrein an der Nordseite der Kirche mit Reliquien. Es ist äußerst selten, dass sich in Gemeindekirchen ein Reliquiar dieser Bedeutung befindet. Die Erklärung ist in der Vergangenheit zu suchen: Als die Erzengel Michael-Kirche noch Kathedralkirche war, wurden diese Reliquien der Kirche aufgrund ihrer zentralen Bedeutung als Kathedrale der Diözese übergeben und verblieben dann später in der Ludwigsfelder Kirche. Im Reliquiar befinden sich eine Reliquie des hl. Serafim von Sarov und ein Stück aus der Mantija des Heiligen (Gedenktag nach dem jul. Kalender 2. Januar / 19. Juli), des hl. Niphont, des Bischofs von Novgorod (8. April), der Jungfrau Juliana- Fürstin Olschanskaja (6. Juli), sowie Reliquien aus dem Kiever Höhlenkloster: des hl. Nestors des Vielleidenden ( 28. Okt.), der Märtyrer Basilius und Theodor (11. August), des hl. Märtyrerbischofs Makarios, des Metropoliten von Kiev (1. Mai), des hl. Michael des Wundertäters und Metropoliten von Kiev (30. Sept.) und des hl. Johnannes des Fasters (7. Dez.). Hinzu kommt noch eine Reliquie des hl. Hiob von Potschaev im Altar.

In den 60er Jahren wurde anlässlich der Feiern zum Patronatsfest mehrmals berichtet, dass die Kirche dem Erzengel Michael und dem hl. Michael, dem Wundertäter und Metropoliten von Kiev, geweiht sei.19 Dies trifft aber nicht zu und war vermutlich darauf zurückzuführen, dass man das Vorhandensein der Reliquie des hl. Michael damit begründen wollte.

Aus dem Gemeindeleben: Vergangenheit und Gegenwart

Die besondere Bedeutung der Erzengel Michael-Kirche - speziell in den Jahren 1946 bis 1952 - unterstrich Erzbischof Alexander bei der Weihe der Kirche im November 1953 in Ludwigsfeld. Er sagte u.a.: „Diese Kirche war das geistliche Zentrum im Leben der russischen Emigration in Bayern und - man kann sogar sagen - von ganz West-Deutschland.“20 Und Metropolit Anastasij schrieb in einem Glückwunschschreiben zur Grundsteinlegung der Kirche im Jahre 1963: „Ich freue mich zu erfahren, daß die Gemeinde nun einen geeigneten Ort gefunden hat, und begrüße den Bau der Kirche, die in meinem Leben eine so große Bedeutung gehabt hat in der Zeit meiner Besuche im Lager Schleißheim. Möge Gott dieses Bauvorhaben mit Erfolg segnen und möge Er den Spendern und Erbauern für dieses heilige Werk alles hundertfach zurückgeben“21

Diese Worte bezogen sich auf die Tatsache, dass die Kirche bis zum Jahre 1952 Kathedralkirche war. Zu allen Hochfesten wurden hier die Gottesdienste vom Diözesanbischof zelebriert.Besonders feierlich gestaltete sich - wie schon erwähnt - das „Fest der Orthodoxie“ am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit, wenn Metropolit Anastasij mit den Bischöfen und der gesamten Geistlichkeit aus München den Gottesdienst zelebrierte. Die Trauergottesdienste für Metropolit Serafim (Lade) und Metropolit Panteleimon (Rozhnovskij) und für Erzbischof Benedikt wurden in der Michaels-Kirche zelebriert. Den Gottesdienst für Metropolit Panteleimon (1. Jan. 1950) zelebrierten die Erzbischöfe Filofej, Benedikt, Stefan (Sevbo) und Bischof Alexander zusammen mit mehr als 20 Geistlichen, ebenso den Gottesdienst für Metropolit Serafim (3. Sept. 1950). Den Trauergottesdienst für Erzbischof Benedikt (3. Sept. 1951) konzelebrierten Erzbischof Filofej und Bischof Alexander und weitere 30 Geistliche und Diakone.22

Nachdem Bischof Alexander im April 1952 zum Erzbischof und Leiter der deutschen Diözese ernannt worden war, erhob er die Nikolaus-Kirche am Salvatorplatz durch Ukaz v. 9./22. Mai 1952 zur Kathedralkirche.23 Bischof Alexander betreute seit 1938 die Münchener russische Gemeinde, seit 1946 war er als Vikarbischof Vorsteher der Gemeinde am Salvatorplatz. Gleichzeitig verfügte Erzbischof Alexander, dass der Vorsteher der Michaels-Kirche immer der amtierende Bischof der Diözese bleibt, der durch einen Gemeindegeistlichen vertreten wird. Hauptgeistlicher der Kirche war in den Jahren 1951 bis 1964 Protopresbyter Vasilij Vinogradov. Als zweiter Priester diente seit 1957 Erzpriester Sergij Matweew (gest. 1976) an der Gemeinde. Außerdem zelebrierten in den 60er und 70er Jahren in der Gemeinde häufig Priester Simeon Andrienko (gest. 1976) und Erzpriester Nikolaj Mozharovskij (gest. 1977). In den 50er Jahren diente an der Kirche noch der Diakon Alexej Adjunsov und als Starosta Vasilij Jakovlevitsch Gorozhankin. (Beide kehrten übrigens im Jahre 1957 in die Sowjetunion zurück.) Als Lektor diente seit Anfang der 50er Jahre bis zu seinem Tod Mitte der 60er Jahre der ehemalige zaristische Oberst Aleksandr Orlov in der Kirche. Die Starosten der folgenden Jahre waren von Anfang der 60er bis Mitte der 80er Jahre Sergij I. Hansa und dann seine Frau Jelena V. Hansa, in den Jahren 1993-1997 Anatolij Smirnov, seit 1998 Evgenij I. Repnikov. Den Chor, zu dem viele Jahre 15 bis 20 Personen gehörten, leiteten N. V. Strutschko, V. Boriskevitsch und von 1967 bis 1995 Olga Petrovna Luko, dann Nonne Vassa (Larin) und seit 1999 Peter Smorcek. Große Verdienste um das Gemeindeleben erwarben sich Nikolaj F. Lilakewitsch, der seit den 70er Jahren als Lektor diente, und Zoja M. Repnikov, die seit Gründung der Gemeinde dem Chor angehörte. In den 60er Jahren gab es noch einen Kinderchor, den Pjotr Aksjonov gegründet hatte. In den Berichten über das Patronatsfest und das Weihnachtsfest wurden beide Chöre wegen ihrer hohen künstlerischen Qualifikation mehrmals erwähnt. Von 1974 bis 1978 wurde die Gemeinde von Erzpriester Alexander Nelin betreut, sein Nachfolger wurde bis 1995 Priester Anastasij Drekopf. In den nachfolgenden Jahren betreuten Priester Stefan Urbanowicz und wechselnde Priester die Gemeinde.

Jolka 1959: 'Gruppe der Künstler' Die Gottesdienste wurden in den 50er und 60er Jahren regelmäßig von 70 bis 100 Personen besucht, zur Gemeinde gehörten im Jahre 1962 noch 245 registrierte Personen. Bei der statistischen Jahresübersicht für die Diözese wurde im Jahr 1957 auf die Frage „wie viele Gottesdienste fanden in der Kirche statt“ geantwortet: „Gottesdienste finden regelmäßig statt, es sind so viele, dass man sie nicht gezählt hat!“ Im Jahre 1959 wurden z.B. 185 Gottesdienste zelebriert. Auch an den Wochentagen wurden in der Regel 40 bis 50 Besucher gezählt. Dies wird auch damit erklärt, dass zur Gemeinde sehr viele ältere Leute gehörten, die in der Wohnsiedlung lebten. In den 50er Jahren besuchten das Weihnachtsfest (Jolka) ca. 120 Kinder und mehr als 200 Erwachsene. Als eigene Gruppe (bis zu 30 Kinder) traten die Kinder der Kalmücken beim Weihnachtsfest auf und trugen russische Gedichte und Lieder vor, die sie in der Gemeindeschule gelernt hatten. Seit Ende der 50er Jahre kamen auch immer ca. 20 Kinder aus der Gemeinde in Rosenheim nach Ludwigsfeld zum Weihnachtsfest, da Erzpriester Matweew Ludwigsfeld und Rosenheim als Gemeindepriester betreute.24 Finanzielle Unterstützung erhielt die Gemeinde für ihr Weihnachtsfest mehrmals vom Weltrat der Kirchen, der Tolstoj-Foundation und von der „Vereinigung der ehemaligen Schleißheimer“ aus den USA. Regelmäßig wurde über die Jolka in der Diözesanzeitschrift ausführlich berichtet. Kontakte zu den „ehemaligen Schleißheimern“ in den USA bestehen bis in die Gegenwart. So besuchte z.B. eine Gruppe von „Schleißheimern“ aus den USA in den 70er Jahren die Gemeinde zum Patronatsfest.

Erzbischof Filofej mit einer Besuchergruppe aus den USA (ca. 1973) Im August 1965 besuchte Metropolit Filaret (Voznesenskij, seit 1964 Oberhaupt der ROK im Ausland) die Gemeinde mit der Wundertätigen Ikone der Gottesmutter von Kursk. Am Gottesdienst nahmen fast 200 Gläubige teil. Über diesen Besuch war Protopresbyter Vasilij Vinogradov besonders erfreut. In seiner Ansprache wies er darauf hin, dass er die Eltern des Metropoliten (Erzpriester Nikolaj Voznesenkij, der spätere Bischof Dimitrij v. Chajlar) noch aus Rußland kannte.25

Besuch von Metropolit Filaret (August 1965) Seit Anfang der 80er Jahre gehörten ca. 120 bis 150 Personen zur Gemeinde. Den Kern der Gemeinde bilden aber nach wie vor jene Gläubigen, die seit 50 Jahren in Ludwigsfeld leben, ihre Kinder und Enkelkinder. Für sie alle ist ihre kirchliche Heimat Ludwigsfeld geblieben, auch wenn sie seit Jahren im Landkreis Dachau oder in München wohnen. Die Gottesdienste werden zweimal monatlich sowie an größeren kirchlichen Feiertagen zelebriert. An den sonntäglichen Gottesdiensten nehmen ca. 30 bis 40 Personen teil, an Festtagen versammeln sich bis zu 60 Gläubige. Neben der kirchenslawischen Sprache wird im Gottesdienst - vor allem mit Rücksicht auf die Kinder - auch die deutsche Sprache benutzt. Im Chor - unter der Leitung von Peter Smorcek - singen bis zu 10 Personen. Die Gottesdienste zum Patronatsfest der Gemeinde zelebriert immer der Diözesanbischof mit Geistlichen aus München. Zum Fest, das nach einer Prozession um die Kirche mit einem gemeinsamen Mittagessen endet, kommen gegenwärtig zwischen 50 und 70 Personen, auch wenn das Fest auf einen Wochentag fällt.

Die Kirche und der Glockenturm wurden in den letzten Jahren gründlich renoviert. Diese Arbeiten wurden von Gemeindemitgliedern und Freunden der Gemeinde in Eigenleistung erbracht. Die Unkosten wurden durch Spenden der Kirchen, Münchener Firmen und von Privatpersonen gedeckt.

Quellen:

Archiv der deutschen Diözese:
Perepiska s prichodami 1948-1973; Postrojka chrama v Ljudvigsfel'de; PR 15:
Prichod Ljudvigsfel'd (1958-1988); D 37: Svedenija o prichodach

Bayerisches Hauptstaatsarchiv München:
Russische Orthodoxe Kirche 1945-1957 und 1958-1971, Fasc. MK 49640 und MK 49641

Cerkovnyja Vedomosti. Mjunchen 1951-1971 (Cerk. Ved).

1) BayHStA StK: Nr. 14890 u. 14891 Heimatlose Ausländer: So lebten 1949 in Bayern noch 308 463 heimatlose Ausländer, von denen 167 837 in IRO-Lagern und 140 626 außerhalb der IRO-Lager wohnten.
2) BayHStA MK 49640, Nr. 10 101 u. 10 171: Schreiben v. 19.12.1952
3) BayHStA MK 49641, Nr. 08726: Schreiben des StMin des Innern vom 26. Mai 1953
4) Cerk. Ved. 6-7 (1953) S. 6
5) Cerk. Ved. 12 (1953) S. 4, 11-14
6) Cerk. Ved. 12 (1953) S. 4, 11-14
7) Ranghöchster Titel bei Priestern, im Deutschen entspricht dieser Titel in etwa "Prälat".
8) Cerk. Ved. 1-2( 1956)S 15 u. 5-6 (1956) S. 19. In diesen Heften ist auch eine Liste seiner wissenschaftlichen Arbeiten enthalten, darunter zahlreiche theologische Beiträge in deutscher Sprache.
9) Das Buch erschien in München 1959 in russischer Sprache, war aber in den Jahren davor in der Diözesanzeitschrift "Cerkovnyja vedomosti" seit 1951in Folgen publiziert worden.
10) BayHStA MK 49641: Schreiben des Amtsgerichts München an das BayStMin für Unterricht und Kultus v. 11.3. 1960 u. SZ vom 9.3.1960.
11) BayHStA MK 49641: Schreiben des BayStMin für Unterricht und Kultus v. 25.3. 1960 an das Amtsgericht München.
12) BayHStA MK 49641, Nr. 27658 Schreiben des Bayr.StMin des Innern v. 19. Febr. 1963 an die Bayr. Staatskanzlei.
13) BayHStA MK 49641: Schreiben des BayMinPräsidenten Goppel v. 7. März 1963 an StMin für Unterricht und Kultus und an das StMin für Finanzen.
14) SZ v. 15., 16., 17. Juni 1963
15) SZ v. 15, 16. Juni 1963
16) So u.a. die SZ Nr 278 u. 279 v. 20./21. u. 22. 11. 1965: Merkur v. 22. 11.1965
17) Cerk. Ved. 7-12 (1965) S.11-15
18) So befinden sich an der Nord- und der Südwand der Kirche eine Christus- und eine Gottesmutterikone, die im „traditionellen Stil“ gemalt worden sind. Diese Ikonen ließ Erzpriester Sergij Matweew für die Ikonostase malen, doch wurden sie nicht in die Ikonostase eingefügt, um das Gesamtbild nicht zu stören. So wurden sie „provisorisch“ an den Seitenwänden aufgehängt.
19) Cerk. Ved. 7-12 (1968) S. 19; 7-12 (1970) S. 16
20) Cerk. Ved. 12 (1953) S. 11
21) Cerk. Ved. 7-12 (1965) S. 30
22) Cerk. Ved. 1-2 (1951) S. 7 u. 9 (1951) S. 8-9
23) Cerk. Ved. 5 (1952) S, 5
24) Cerk. Ved. 1-2 (1956) S. 16; 1-3 (1962) S.13
25) Cerk. Ved. 7-12 (1965) S. 15